Als ich vor wenigen Jahren meinen Freunden zu Beginn des Studiums mitteilte, dass ich nun in Bratislava anfange meinen Traum zu verwirklichen, blickte ich nur in fragende Gesichter: „Wo ist denn bitte Bratislava?“ oder „Was willst du denn dort?“. Viele solcher und weitere Fragen muss ich mir bis heute immer noch anhören. Dabei ist Bratislava nicht nur die Hauptstadt, sondern auch die größte Stadt der Slowakei.

Rund 437.000 Einwohner zählt meine liebste Studentenstadt, die sich vor allem während der Semester größtenteils aus Studierenden zusammensetzt. Wo am Tag fleißig gelernt und studiert wird, findet man am Abend besonders im Sommer viele Studierende in der zauberhaften Altstadt. Sie lädt zum leckeren Bryndzove Halušky-Essen (Nationalgericht: Kartoffennocken mit slowakischem Schafskäse) und für ganz starke Studierende zum Trinken vom bekannten Tatratea (Likör auf der Basis von Tee aus dem Gebirge Hohe Tatra) ein. Wenn die warme Sonne mal wieder unter den weißen Wolken hervorschaut, sammeln sich schnell viele Studierende am Donauufer zum gemeinsamen Picknick oder auch zum Lernen.

Die Universität

Ca. zehn Minuten außerhalb des Altstadtkerns, befindet sich die „medizinische Fakultät“ der Comenius Universität Bratislava. Sie ist mit ihren rund 20.000 Studierenden die älteste und größte Universität der gesamten Slowakei. Sie setzt sich aus 13 Fakultäten zusammen, welche sich über die gesamte Stadt verteilen. Es gibt einen slowakischen und einen „foreign“ Jahrgang. Bei diesem findet der Frontalunterricht auf Englisch und der Patientenkontakt unter Aufsicht auf Slowakisch statt. Da kommt es einem manchmal sehr gelegen, dass Bratislava nicht allzu weit von Deutschland entfernt ist. Dadurch sprechen die älteren Menschen oft Deutsch und die Jüngeren haben gute Englischkenntnisse. Bei den ausländischen Zahnmedizinstudierenden beginnen pro Jahr ungefähr 30 bis 40 Leute. Zum Ende hin sind es dann nur noch ca. 10 bis 20. Das liegt zum einen natürlich am Fleiß des Einzelnen und zum Anderen am Wunsch vieler, zurück ins Heimatland zu wechseln.


Das Studium

Die Vorklinik durchlebt der/die Zahnmedizinstudierende in Bratislava direkt in der Uni und zweimal wöchentlich in der ca. zehn Minuten entfernten Zahnklinik. Hier werden, ähnlich wie in Deutschland, Grundkenntnisse vermittelt, aber es wird auch schon früh begonnen am Phantomkopf zu arbeiten. Füllungen, Extraktionen und Co. gehören in den ersten zwei Jahren Ausbildung dazu. Einen wirklichen Unterschied zu Deutschland stellt auch der tiefere Einblick in die Allgemeinmedizin dar.
Ab dem dritten Jahr geht es für die Zahnmedizinstudierenden in alle Bereiche der Klinik. Geprüft wird ähnlich umfangreich wie bei den Allgemeinmedizinern. Vom fünften Semester an befindet man sich immer weniger in der Uni, sondern mehr und mehr in allen Kliniken Bratislava‘s. Für die Psychologie- und Psychiatrie-Kurse geht es ans andere Ende der Stadt. Dafür sind die Einblicke weitgefächert und prägend.

Ein Physikum gibt es an der Comenius Universität Bratislava nicht. Dafür findet im Gegensatz zu den meisten Unis in Deutschland, die sogenannte „2er- bis 3er-Prüfung“ statt. Diese setzt sich aus schriftlichen, mündlichen und auch praktischen Prüfungen zusammen. Bei jeder von ihnen muss die Mindestgrenze von 70 bis 80 % erreicht werden, damit das Fach als bestanden gilt. Nach vollständiger Erledigung aller in Deutschland notwendigen Fächer für das Physikum, kann man es sich in Deutschland komplett anrechnen lassen.


Fazit

Das Auslandsstudium bringt für einen „NC-Flüchtling“ (NC = Numerus clausus) wie mich die unterschiedlichsten Eindrücke mit sich. Aufgrund der großen Distanz von rund 800 km zu meiner Heimatstadt ist es nicht möglich, jedes Wochenende bei der Familie zu sein. So wurde ich schnell ins selbstständige Leben und Handeln hineingeworfen und fürs Leben geprägt. Außerdem habe ich neue Bräuche, leckeres Essen und großartige Kontakte aus aller Welt kennengelernt. In meinem Jahr befinden sich Studierende aus Österreich, Polen, Tschechien und dem Iran – eine kunterbunte Mischung an Kulturen. Zum Spaß lernen wir die Sprachen der Anderen ein wenig kennen und staunen das ein oder andere Mal nicht schlecht, welche verrückten Food-Kreationen es doch gibt.

Natürlich haben wir Zahnis viel zu tun. Doch die Uni lässt uns bei gutem Zeitmanagement auch genügend Zeit zum Durchatmen und Abschalten. Gründe, sich zu beschweren, gibt es wie an jeder Uni auch hier, aber alles in allem hat niemand aus meinem Semester den Schritt ins Ausland bereut. Wir sind mittlerweile wirklich eine kleine Familie, die sich gegenseitig unterstützt und füreinander da ist. Falls ihr jemanden kennt, der ebenfalls auf einen Studienplatz in Deutschland warten muss, solltet ihr ihm oder ihr auf jeden Fall den Schritt ins Ausland nahelegen. In diesem Sinne möchte ich mich mit einem freundschaftlichen slowakischen „Ahoj!“ bei euch verabschieden!